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18.10.2023 | Kategorie: WUG 25 , FISU Games , 2023 , TopNews

„Das geilste Erlebnis bislang in meiner sportlichen Karriere“ - Wie die World University Games der Start in eine bessere Sportzukunft sein können

Die FISU World University Games 2025 zwischen Rhein und Ruhr werden die größte Sportveranstaltung in Deutschland seit den Olympischen Spielen in München 1972 und sind im Jahr 2025 das umfassendste Sportevent weltweit. 10.000 Aktive und Offizielle, 18 Sportarten verteilt auf fünf Städte in NRW. Eine internationale Bühne vor allem für die ganz junge Generation im deutschen Leistungssport, die zu großen Teilen aus Studierenden besteht. Und ein Hoffnungsschimmer für den deutschen Sport.

Für viele wird es der erste große Wettbewerb in ihrer Sportkarriere und die erste Begegnung mit internationalen Topathleten aus anderen Sportarten. „Ein sportlich absolut hochwertiger Wettbewerb. Da bekommst Du nichts geschenkt. 2007 habe ich sogar für einen kleinen Skandal gesorgt. Weil ich gegen die Meinung des deutschen Verbandes nach Bangkok zur Universiade gereist bin und nicht zu den Leichtathletik-Weltmeisterschaften. Meinem Trainer war der langfristige Karriereplan aber wichtiger. Dafür passte die Universiade perfekt. Ein Jahr später bin ich dann zum ersten Mal zwei Meter gesprungen“, sagt Ariane Friedrich. Die deutsche Rekordhalterin im Hochsprung hat sich bei den Weltspielen der Studierenden einen kompletten Medaillensatz geholt: Bronze 2005, Silber 2007, Gold 2009. Ihre Bestleistung von 2,06 Meter ist in Deutschland immer noch unerreicht und hätte bei der Leichtathletik-WM in Budapest vor ein paar Wochen mit weitem Abstand zur Goldmedaille gereicht. 2023 gab es kein einziges Edelmetall mehr für die gesamte deutsche Leichtathletik. Zum ersten Mal in der WM-Geschichte.

In Budapest war Kristin Pudenz eine der wenigen deutschen Medaillenhoffnungen. Am Ende fehlten ihr im Diskusfinale 2,24 Meter zum Podest. Auch ihre internationale Karriere startete bei den World University Games, mit dem Sieg im Diskusfinale 2017: „Das war mein erstes großes, internationales Ding. Das erste Gold, zum ersten Mal die Hymne. Das hat für mich alles ins Rollen gebracht“, so Pudenz. Vier Jahre später gewann sie in Tokio olympisches Silber, bis zu den nächsten Spielen in Paris will sie sich neu sortieren: „Ich muss jetzt gucken, wie ich im Training auf dieses neue internationale Niveau komme“. Auch Leichtathletin Louise Wieland gehörte zum deutschen Team. Wieland ist Teil der neuen Athletinnen-Generation. Kurz vor der WM war sie noch in China bei den FISU World University Games. Der Endlauf über die 100 Meter in Chengdu hatte sie bestens vorbereitet, sagt sie, auf ihren Staffeleinsatz bei den Weltmeisterschaften in Ungarn. Die anschließende Kritik an den deutschen Athletinnen und Athleten kann auch sie nur schwer verstehen: „Wenn man sieht, was wir alles leisten, um Sport und Studium unter einen Hut zu bekommen, ist das schon extrem ungerecht.“ Über 80 Prozent des deutschen Leichtathletik-A-Kaders sind oder waren an einer Universität oder Fachhochschule eingeschrieben. Die allgemeine, aktuelle Diskussion findet sie trotzdem gut. „Es ist positiv, dass in der Gesellschaft darüber gesprochen wird. Nur so kann es gemeinsam besser werden“. Wieland studiert Psychologie in Hamburg und steht erst seit kurzem im Bundeskader. Bis dahin sei es relativ schwer gewesen, als „Noname“ Stundenpläne und Klausuren zu verschieben. „Da ist man schon auf viel guten Willen angewiesen bei Professorinnen und Professoren“.
 
Talente, die es trotz dualer Karriere schaffen könnten, gibt es im Moment noch genug. Auch und gerade in der Leichtathletik. Bei der U20-Europameisterschaft stellte der Deutsche Leichtathletikverband in diesem Jahr mit großem Abstand die meisten Medaillengewinnerinnen und Gewinner. Von denen schaffen aber nur noch ganz wenige den Übergang in die Weltspitze bei den Erwachsenen. Da sind dann andere Nationen im Moment einfach besser. Die FISU World University Games im eigenen Land könnten da ein echter Mutmacher sein, Akzeptanz und Wertschätzung wieder erhöhen und den Spaß am Sport zurückbringen.
 
Das kann Alexandra Föster für die einstige deutsche Domäne im Rudern nur bestätigen. Die 21- Jährige ist eine deutsche Vorzeigeathletin: Als dreimalige Junioren-Weltmeisterin hat sie den Sprung in den Erwachsenenbereich mit Bronze bei der Heim-EM in München schon geschafft. Für die Olympischen Spiele im kommenden Jahr ist die beste deutsche Ruderin im Einer auch schon qualifiziert. Und nach einem möglichen Medaillengewinn in Paris würde sie dann gerne bei den FISU World University Games in ihrer nordrhein-westfälischen Heimat an den Start gehen: „Da würde ich super gerne dabei sein. Stimmung und Atmosphäre sind mir schon von vielen empfohlen worden. Deshalb will ich diese Chance auf keinen Fall verschenken“. Nebenbei legt Föster eine beeindruckende akademische Karriere hin. Abitur mit Notendurchschnitt 1,0. Im vergangenen Dezember hat sie ihren Bachelor in Elektrotechnik gemacht. Derzeit schließt sie ein Fernstudium zur mathematisch, technischen Softwareentwicklerin an. „Drei Trainingseinheiten am Tag, sechs Stunden Sport. Duschen, Laptop, Vorlesung. Daneben reicht es nur noch zum Essen und zum Schlafen. Auf Dauer kann man sich das eigentlich nicht zumuten“, sagt die junge Frau aus Meschede.
 
Für manche ist dieser Dauerstress aber sogar leistungsfördernd. Finn Wolter studiert in Vollzeit Philosophie, Politik und Economics. Nebenbei ist er zusammen mit Nikita Mohr Junioren-Weltmeister im Leichtgewicht-Doppelzweier geworden. „Zwischendurch habe ich auch mal ein bisschen Tempo rausgenommen beim Studieren. War aber nicht so gut für mich. Wenn man gut rudert und voll studiert, empfindet man das als super produktiv. Das macht einfach ein super Gefühl“, so Wolter. In Chengdu hat er mit seinem Ruder-Partner Mohr den Studenten-Weltmeistertitel nur ganz knapp verpasst. Und dennoch war es „das geilste Erlebnis bislang in meiner sportlichen Karriere“, schwärmt der 22-Jährige. Auch der deutsche Rudersport hat also noch qualifizierten Nachwuchs, aber immer weniger internationale Medaillengewinner.
 
Genau da setzen im Moment viele kleinere Hilfsprojekte an. Nordrhein-Westfalen unterstützt mit der Sportstiftung NRW junge Athletinnen und Athleten. Alexandra Föster hat schon davon profitiert oder Falk Petersilka. Der Judoka, der bei den World University Games in China Gold gewonnen hat. Die Qualifikation für die Olympischen Spiele im nächsten Jahr wird er wohl verpassen. Deshalb absolviert der Medizin-Student demnächst sein praktisches Jahr und versucht es dann noch mal, Richtung Los Angeles 2028. Für die World University Games 2025 in Deutschland wird er, mit dann 26 Jahren, schon zu alt sein. „Ich freue mich aber trotzdem schon drauf und werde als Zuschauer ganz sicher dabei sein“, sagt er und fügt hinzu: „Da kann man die große, wunderschöne Vielfalt des Sports auch in der ganzen Breite erleben“.
 
Der deutsche Sport hat vor kurzem auf die aktuelle Situation reagiert. Länder, Bundesinnenministerium und Deutscher Olympischer Sportbund halten die Förderstrukturen für reformbedürftig. Eine unabhängige Sportagentur soll sich um bessere Trainerbezahlung und eine effizientere Fördermittelvergabe kümmern. Ende 2025 soll es so weit sein. Ein paar Monate vorher kann Deutschland aber schon zeigen, wieviel Lust es auf Spitzensport hat und wie sehr es seine Athletinnen und Athleten unterstützt, die den Spagat aus Sport und Ausbildung hinkriegen müssen. Vielleicht entwickelt sich ja ein „summer cum laude“, ein Sommer mit Auszeichnung, an Rhein und Ruhr. Und Basketball wird 2025 übrigens auch gespielt, bei den Rhine-Ruhr 2025 FISU World University Games.